Zähne für die Zukunft

Kinderzähne sind wichtig und erfordern viel Aufmerksamkeit.

Kinder wollen leben – und nicht auf das Leben getrimmt werden. Doch wer manche Pflichten in jungen Jahren vernachlässigt, muss als Erwachsener dafür büßen. Die Pflege der ersten Zähne gehört unbedingt dazu.

Unterschätzt zu werden, kann im Leben durchaus von Vorteil sein. Aber es gibt Themen, bei denen sich dies unangenehm rächen kann. Eins davon sind die Milchzähne. »Die fallen doch früher oder später ohnehin aus. Warum sollten wir uns dann besonders um sie kümmern? «, fragen immer noch manche Eltern entnervt, wenn sie an den Trotz ihres Nachwuchses im Badezimmer denken. Dabei verkennen sie eine Tatsache von großer Tragweite: Milchzähne legen das Fundament für ein gesundes Gebiss bis ins hohe Alter.

Dass Kinder mit Vorläufern der richtigen Zähne aufwachsen, hat seinen Grund in ihren noch sehr kleinen Kiefern. Die größeren bleibenden Zähne hätten darin schlichtweg keinen Platz. Darum erscheinen bis zum 30. Lebensmonat erst 20 Milchzähne, um ungefähr vom sechsten Geburtstag an innerhalb von rund sieben Jahren nach und nach auszufallen und ersetzt zu werden. Erleiden die Milchzähne Schaden und gehen zu früh verloren, hat das oft schlimme Folgen. Denn sie besitzen eine wichtige Platzhalterfunktion: Die ersten bleibenden Backenzähne wachsen an den letzten Milchbackenzähnen empor. Fehlen sie, landen die neuen Exemplare zu weit vorn. Eine kieferorthopädische Korrektur ist dann unvermeidlich. Zudem kann die Sprachentwicklung leiden, wenn die Frontzähne längere Zeit vermisst werden. Doch das Lispeln durch den zu großen Bewegungsspielraum der Zunge ist nicht das einzige Übel: Unter Umständen führen die Zungenbewegungen zu einem offenen Biss nach dem Zahnwechsel, bei dem die oberen und unteren Schneidezähne sich nicht berühren können.

Doch schon bevor defekte Milchzähne ausfallen, können sie der Grund für Probleme sein. Nicht nur, dass Infektionen mit Ursprung an den ersten Zähnen das Wohlbefinden von Kindern beeinträchtigen; wenn sich an der Wurzelspitze von Milchzähnen Entzündungen entwickeln, können zudem sogenannte Keimschäden entstehen, die mitunter Missbildungen und Verfärbungen der bleibenden Zähne nach sich ziehen.

Experten für den Kindermund

Es ist darum kein Wunder, dass heute alles versucht wird, um Milchzähne zu retten. Zahnärzte, die sich auf Kinder spezialisiert haben, leisten darum viel mehr als nur eine psychologisch versierte Prophylaxe. Schließlich ist mittlerweile klar, dass die Techniken der Zahnversorgung bei Kindern andere sind: Milchgebisse sind nicht nur kleiner, ihre Nerven verlaufen auch dichter unter dem Schmelz als bei den zweiten Zähnen. Und weil sie sich im Aufbau unterscheiden, besitzen sie auch spezielle Anforderungen an Füllungsmaterialien und Kleber. Nicht umsonst hat es in der DDR einen Fachzahnarzt für Kinder gegeben. Heute ist es der »Spezialist für Kinderzahnheilkunde«, der eine jahrelange spezifische Ausbildung mit Prüfung vorweisen kann.

Die Ursache für fast alle Milchzahnprobleme ist die am weitesten verbreitete Infektionskrankheit der Welt: Karies. Laut kassenzahnärztlicher Bundesvereinigung (KZBV) leidet darunter rund jedes sechste Kleinkind in Deutschland. Die meisten stecken sich bei der Mutter an, die etwa den Brei mit dem Babylöffel vorkostet oder den Schnuller sauberleckt. Ist der Erreger erst im Kindermund, geht es sehr schnell: Da der Zahnschmelz von Kindern dünner ist, kann er rasch ins weichere Dentin eindringen. Klagt ein Kind über Zahnschmerzen, sind darum meist schon mehrere Zähne befallen. »Wenn man an die Probleme denkt, die Karies und Milchzahnverluste mit sich bringen, ist die zahnärztliche Betreuung ab dem ersten Zahn absolut notwendig«, sagt Christian Splieth, ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde. Ebenso wie die KZBV plädiert seine Organisation darum für drei Früherkennungsuntersuchungen ab dem sechsten Lebensmonat. Damit stellen sie sich gegen die Krankenkassen, die das derzeit erst in einem Alter von zweieinhalb Jahren vorsehen.

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Karies ist allerdings kein Schicksal. Zwar wird man die Bakterien ein Leben lang nicht mehr los, wenn sie erst einmal im Mund sind. Doch Vorsorgemaßnahmen halten das Erkrankungsrisiko in Schach. Die wichtigste ist zweifellos die Mundhygiene. Allein: Kinder brauchen lange, bis sie feinmotorisch in der Lage sind, jeden Winkel gut zu erreichen – erst wenn sie die Schreibschrift flüssig beherrschen, ist es so weit. Bis dahin müssen die Eltern behilflich sein. Am besten beherzigen sie die sogenannte »KAI-Technik«: Zunächst die Kauflächen schrubben, dann kreisend die Außenflächen säubern und am Schluss die Innenseiten von Rot nach Weiß putzen. Dabei ist eine spezielle Zahncreme für Kinder mit angepasstem Fluoridgehalt das richtige Produkt. Weil es bei dem Zahnschmelzhärter auf die lokale Wirkung ankommt, raten viele Zahnärzte von Fluoridtabletten ab. Auch aus einem weiteren Grund: Bei Überdosierungen können sie sogar Zahnverfärbungen auslösen.

Sinn ergibt vielmehr eine andere Schutzmaßnahme: die Versiegelung der Backenzähne. Weisen die nämlich besonders enge Rillen auf, lässt sich dort der Bakterienbelag kaum noch mit der Bürste entfernen. Ein spezieller, völlig ungefährlicher Kunststofffilm auf den Zähnen verhindert bei solchen Vertiefungen, dass sich dort Säuren bilden und den Zahnschmelz zerstören. Eine Versiegelung sollte im Bedarfsfall erfolgen, wenn die Oberflächen noch intakt sind, also gleich nach dem kompletten Durchbruch der ersten Zähne.

Der Zahn isst mit

Keine Maßnahme kann jedoch richtig zur Geltung kommen, wenn es bei der Ernährung hapert. Trauben-, Frucht- oder Milchzucker in Lebensmitteln produzieren Säuren, die den Zahnschmelz angreifen, und das jedes Mal, wenn gegessen wird. Darum sollten gerade Kinder geregelte Mahlzeiten einhalten und Süßes nur einmal am Tag zu sich nehmen – etwa als Nachspeise. Beim Naschen zwischendurch werden nämlich jedes Mal aufs Neue Schmelzbausteine aus den Zähnen gelöst. Passiert dies selten, kann der Organismus die Stellen reparieren. Bei einem Snack alle paar Stunden ist er jedoch überfordert, und es entsteht fast unweigerlich Karies. Eltern tun ihren Kindern außerdem etwas Gutes, wenn sie ihnen häufig Lebensmittel zu essen geben, die sie kräftig kauen müssen – zum Beispiel rohes Gemüse. Das sorgt dafür, dass sich Zähne und Kiefer richtig entwickeln.

Dennoch sind kieferorthopädische Komplikationen bei Kindern so häufig wie unangenehm. Treffen nämlich die Zähne nicht exakt aufeinander, kommt es zu permanenten Fehlbelastungen – und damit oft zu Verspannungen, Müdigkeit, Konzentrationsproblemen und später zu Kiefergelenksschäden. Je früher regulierend eingegriffen wird, desto besser. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung sollte darum der Kieferorthopäde bereits eingeschaltet werden, bevor die zweiten Zähne komplett durchgebrochen sind – idealerweise ein Jahr vor der Einschulung und im Alter von etwa neun Jahren. Denn dann können Spangen oder Brackets, die heute sehr klein und auch zahnfarben zu haben sind, das Wachstum therapeutisch nutzen, um Fehlstellungen zu korrigieren.

Alles in allem sind Kinderzähne ein Feld, dem viel Aufmerksamkeit zu schenken ist. Eltern, die sie aufbringen, können sich eines jedoch sicher sein: Ihre Kinder werden sie ihnen ein Leben lang danken.

Meuterei am Waschbecken? 7 Tipps für entspanntes Zähneputzen

  • Putzen auf Zeit: Eine Sanduhr oder eine Zahnputzuhr mit Clownzeiger lenken ebenso ab wie sie darauf hinweisen, dass das Kind eine Aufgabe zu erfüllen hat.
  • Selbst gekauft: Wenn Kinder sich ihre Bürste selbst aussuchen, sind sie meist auch stolz darauf und wollen sie benutzen.
  • Singen: Eine fröhliche Stimmung schadet nie – erst recht nicht beim Zähneputzen. Dafür gibt es Reime, die genau für diese Situation gemacht sind.
  • Bücher lesen: Bilderbücher enthalten Zahnputzlieder und erläutern kindgerecht die Bedeutung des Zähneputzens.
  • Die Zähne als Freunde: Zum Einschlafen eine Geschichte erzählen über die armen schmutzigen Zähne, die immer laut schreien, weil sie niemand geputzt hat. Sind sie jedoch sauber, freuen sie sich und können prima schlafen. Gut möglich, dass sich das Kind am nächsten Tag die Zähne von ganz allein putzt.
  • Gegenseitiges Putzen: Gerade die Kleinen helfen gern. Warum sich also nicht gegenseitig die Zähne putzen? Irgendwann putzt man die obere Hälfte allein und dann das komplette Gebiss.
  • Jagd auf den Zahnteufel: Beim Zahnteufeltrick hüpft ein kleiner Teufel durch den Mund, ist mal links oben, mal rechts unten und muss dort weggeschrubbt werden – die Zähne sind bald sauber.
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