Digital Docs

von Birgit Marx

Telemedizin, was kann sie und wie können wir von ihr profitieren?

 

Die Digitalisierung in Deutschland kann nur besser werden, das wissen wir längst. Ein Bereich, in dem sie jedoch häufig mit großer Skepsis betrachtet wurde, ist die Medizin. Hat doch der persönliche Handschlag des Arztes oder der Ärztin oft schon eine beruhigende Wirkung auf uns. Dann kam die Corona-Krise und hat alles Bisherige auf den Kopf gestellt. Selten wurden so viele Videosprechstunden geführt wie in dieser Zeit, und noch nicht einmal für eine Krankschreibung musste man persönlich beim Arzt erscheinen.

Telemedizin bedeutet, dass medizinische Leistungen in den Bereichen Diagnostik, Therapie und Rehabilitation sowie bei der ärztlichen Entscheidungsberatung über räumliche Entfernungen hinweg erbracht werden. Werfen wir einen Blick auf den aktuellen Stand und fragen uns, wie sie uns wirklich weiterhelfen kann. Eines vorweg: telemedizinische Anwendungen sollen nicht die persönliche Begegnung mit der Ärztin oder dem Arzt ersetzen. Sie sind lediglich unterstützender Anteil in der Therapie. Zum Beispiel für ältere Menschen und chronisch Kranke, die aufgrund ihrer familiären Situation, eingeschränkter Mobilität oder Wohnlage sonst keine oder kaum ärztliche Betreuung erfahren würden. Telemedizin vereinfacht außerdem das Einholen von Zweitmeinungen per Videokonferenz.

In einem Papier vom Deutschen Ärztetag 2010 heißt es: »Telemedizinische Anwendungen stellen in vielen Bereichen einen Mehrwert für Patienten dar.« Wie können wir uns das vorstellen? Beispielsweise bei Schlaganfallpatienten, die in mehreren Bundesländern auf sogenannten Tele-Stroke-Units behandelt werden, wenn keine reguläre Stroke-Unit in erreichbarer Nähe ist. In vielen weiteren medizinischen Fachgebieten werden telemedizinische Verfahren wissenschaftlich untersucht oder pilothaft erprobt. Etwa bei der Überwachung von Patientendaten für Patienten mit einem Defibrillator, der bei Herzrhythmusstörungen hilft, oder für Menschen mit einem CRT-System, das der Behandlung von schwerer Herzschwäche (Herzinsuffizienz) dient. Telemedizin kann außerdem dabei unterstützen, personelle Engpässe auszugleichen, zum Beispiel, wenn es darum geht, den ländlichen Raum angemessen zu versorgen. Ein weiterer Vorteil: Durch ärztliche Ferndiagnosen und -behandlungen können Ansteckungen während der Anfahrt und im Wartezimmer vermieden werden.

Auch Arztpraxen und Krankenkassen können ihre Abläufe effizienter gestalten. Das gilt insbesondere dann, wenn die Systeme nahtlos an andere digitale Lösungen im Gesundheitswesen angebunden sind. So kann in Zukunft etwa direkt nach der Online-Sprechstunde der virtuelle Arztbesuch automatisch in der elektronischen Patientenakte (ePA) dokumentiert und ein notwendiges Medikament auch per E-Rezept verschrieben werden. Außerdem sind die eingeschränkten Sprechzeiten von Ärztinnen und Ärzten durch Telemedizin leicht erweiterbar.

 

Der direkte Draht zum Arzt

Telemedizin wird ein Baustein der Medizin-Zukunft sein. Sie kann die Lebensqualität von Patientinnen und Patienten erhöhen und im Notfall sogar Leben retten. In einer Studie der Berliner Charité wurde ihr Nutzen für Patienten mit Herzschwäche erforscht. Dabei wurden zu Hause selbstständig verschiedene Werte gemessen: EKG, Gewicht und Blutdruck. Über einen kleinen Computer wurden die Daten direkt an eine Zentrale übermittelt, in der Ärzte rund um die Uhr die eingehenden Daten überwacht haben. Zeigten diese Daten gesundheitliche Probleme auf, trat sofort ein mehrstufiges Notfallsystem in Kraft und bei Bedarf wurde ein Notarzt alarmiert. Großer Vorteil: Der Patient musste nicht mehr auf eigenen Verdacht zum Arzt oder für eine Überwachung ins Krankenhaus gehen.

 

Chronisch Kranke unterstützen

Eine aktuelle telemedizinische Versorgungsplattform für chronisch Kranke heißt MACCS, für »Medical Assistant for Chronic Care Services«. Sie vernetzt nierentransplantierte Patientinnen und Patienten und ihre Ärztinnen und Ärzte in der nephrologischen Praxis und im zuständigen Transplantationszentrum. Über eine App lassen sich die wichtigsten Pfeiler des Therapieschemas dokumentieren und von einem eigens dafür aufgebauten Telemedizinteam kontrollieren. Bewertet werden dabei Vitalparameter wie Gewicht, Blutdruck, Herzfrequenz und Temperatur. Der Patient erhält zudem die Möglichkeit, täglich den eigenen Gesundheitszustand selbst einzuschätzen und die Einnahme der Medikation abzuzeichnen, sodass die Ärzte aus der Ferne einen Überblick über den Gesundheitszustand und die Therapietreue erhalten. Ziel ist es, die Patienten bestmöglich bei der Einhaltung der Therapievorgaben zu unterstützen, Komplikationen rechtzeitig zu erkennen und langfristig zu vermeiden und die Lebensqualität der Patienten zu erhöhen. Dies führt zu einer neuen Dimension der Sicherheit zu Hause, was wiederum Lebensqualität schafft.

Mehr entdecken