Seele ist Heimat • Das Rheinische Lebensgefühl

von Monika Salchert

Die Rheinische Seele ist robust und komplex.
Dazu wandelbar und geschmeidig.
Man kann diesen besonderen Gemütszustand zwar nicht sehen oder anfassen, aber riechen, schmecken, hören und fühlen.
In ihr spiegelt sich das Lebensgefühl der Menschen im Rheinland mit den Metropolen Bonn, Düsseldorf und Köln wider.

Wenn im Folgenden mal von Rheinischer und mal von Kölscher Seele die Rede ist, ist dies kein Zeichen von Verwirrtheit. Im Grunde sind die Begriffe Zwillinge, nur nach der Geburt getrennt. Die Unterschiede sind so marginal, dass sie mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen sind. Vieles, was typisch für Köln ist, lässt sich auf das Rheinland übertragen und umgekehrt. Die Seele besteht in diesem Fall aus mehreren wärmenden Jäckchen. Damit sie sich entfalten kann, braucht die Rheinische Seele Nähe, Gemeinschaft und Wohlfühlräume. Sie blüht auf in den Gasthäusern, Restaurants und Kneipen. Sie zeigt sich in den Vereinen, auf Straßen- und Volksfesten. Auf den Bühnen der Theater, in Konzerthallen und auf den Sportplätzen.

Hoher Mehrwert

Die Kölsche Seele versteckt sich nicht, drängt sich aber nicht auf. Man kann sie für kein Geld der Welt kaufen, sie ist dennoch ein Gut mit einem hohen Mehrwert. Sie findet im Schreiben, Sprechen, Erzählen und Empfinden ihre Heimat. Und natürlich im (Mit)-Singen. An dieser Stelle rückt Köln in den Fokus. Wohl in keiner anderen deutschen Stadt gibt es so viele Lieder, die von der »kölschen Siel«, der Liebe zum Veedel, zum Kölner Dom, zum Rhein, zum 1. FC Köln, zum KEC und zum Karneval handeln. Köln ist eine Millionenstadt. Unter der Hand scheint die Einwohnerzahl noch viel höher zu sein, wenn man die stille Reserve einrechnet. Dazu zählen Menschen, die beispielsweise in Hürth, Pulheim, Wesseling, Bornheim, Erftstadt oder Lohmar wohnen, in bestimmten Situationen allerdings erklären, sie seien aus Köln. Diese Transformation tritt in diversen Urlaubsorten im In- und Ausland auf. Niemals in Köln, da ist die Entlarvungsgefahr zu groß. Dabei ist gegen diese partielle Selbst-Eingemeindung nichts einzuwenden. Es ist auch keine Lüge, allenfalls leicht geschwindelt. Was soll man machen, wenn sich die Rheinische Seele mit Macht bemerkbar macht

 

Sehnsuchtsort Hänneschen

Um dieser »Siel« nachzuspüren, empfiehlt sich ein Blick auf einige Hotspots in Köln, an denen die Kölsche Seele und das Kölsche Herz (die beiden sind emotionale Geschwister) garantiert zu finden sind. Mitten in der Altstadt gibt es einen Ort, an dem etliche Fäden Kölscher Lebensfreude, Eigenart, Sprache und Identität zusammenlaufen. Im Hänneschen-Theater, gegründet vor 222 Jahren. Das Theater am Eisenmarkt ist für viele Menschen ein Wohlfühl- und Sehnsuchtsort. Das gilt für Kölnerinnen und Kölner ebenso wie für Besucher von auswärts. Die »Puppenspiele der Stadt Köln« nehmen eine bedeutende Stellung innerhalb der Kölner Kultur- und Theaterszene ein. Das Hänneschen ist urwüchsiges und modernes Volkstheater, das in der Themensetzung politisch, gesellschaftskritisch und aktuell ist und die Kölsche Seele ganz tief berührt.

 

Kölsch, was sonst?

Eine wichtige Säule des Hänneschen-Theaters ist die Kölsche Sprache. Sie ist ein Kulturgut der Stadt. Kölsch gibt es als Alltagssprache, musikalisches Ereignis, Straßenkölsch und Bühnenkölsch. Dieser Aspekt der Rheinischen Seele ist nicht auf Köln beschränkt, gerade die Dialekte sind wesentliche Bestandteile des Lebensgefühls und der Lebensweise der Menschen im Rheinland.

Die Kölsche Seele lebt in unzähligen Kölschen Liedern. In den traditionellen, die weitergetragen werden, und in den neuen, die das Kölsche Liedgut erweitern und erneuern. Das Einsingen für den Karneval in den Kneipen ist das Herzstück der Initiative »Loss mer singe«. Dahinter steht ein großes Netzwerk, in dem Institutionen, Musiker, Wirte, Plattenfirmen und Fans zusammenwirken. Die Begeisterung ist von Köln ins Umland und weit darüber hinaus geschwappt. Es gibt Ableger des Mitsing-Events von Hamburg bis München. Vor allem ist es gelungen, junge Menschen fürs Mitmachen und Mitsingen von Karnevalsmusik zu begeistern.

Überhaupt blüht die Seele in einer Umgebung, in der gemeinsam gesungen wird, auf. Aber nun wird es erst einmal kurz klassisch: In der Tragödie »Faust« von Johann Wolfgang von Goethe bietet der Teufel (Mephisto) Faust eine Wette an: »Dein Wunsch (nach Lebenssinn) wird erfüllt, dafür bekomme ich deine Seele«. Mit einem solchen Deal ließe sich die Kölsche Seele nicht einfangen. Mit drei Punkten, besser neun für den 1. FC Köln geriete womöglich manch’ ein Fan des Traditionsclubs ins Wanken. Wie heißt es so richtig im Refrain der Vereinshymne: »Mer schwöre dir he op Treu un op Iehr: Mer stonn zo dir FC Kölle – Un mer jon met dir wenn et sin muss durch et Füer – Halde immer nur zo dir FC Kölle!« Nimm das, Mephisto!

 

Schatz, der tief im Herzen liegt

Kaum jemand hat die Kölsche Seele so treffend in Worte gekleidet, wie der Kölner Sänger Ludwig Sebus in seinem Lied: »Uns kölsche Siel«. Im Refrain heißt es:  »Uns kölsche Siel, die kann uns keiner nemme, die hät d‘r Herrgott deef en uns gelaht. Un wä die söhk, moß beß zom Hätze klemme, denn do allein, do, litt dä Schatz verwaht.« In der hochdeutschen Übersetzung klingt das so: »Unsere kölsche Seele, die kann uns keiner nehmen, die hat der Herrgott tief in uns gelegt. Und wer die sucht, muss bis zum Herzen klettern, denn da allein, da liegt der Schatz verwahrt.« Diese Seele ist Eigenart und Vermächtnis zugleich, aber vor allem ist sie etwas, worauf man stolz sein darf. Exzellente Botschafter dieser besonderen Seele waren Hans Zimmermann und Hans Süper, die als »Colonia Duett« (1974 bis 1990) für Furore sorgten. Sie bewegten sich zeitweise auf einem eigenen Humorplaneten. Süper galt seinerzeit als größter Clown Kölns. Er sagte über sich selber: »Wenn et üvver mich kütt, ben ich nit ze halde.« Hieß, wenn sich seine urkomische Seele zu Wort meldete, war er außer Rand und Band. Unerreicht.

Seit einiger Zeit sorgen Martin Schopps, Jörg P. Weber und Volker Weininger, die jeder für sich erfolgreiche Solokünstler sind, als »Herrengedeck« für Aufsehen. Das Gelegenheits-Humor-Trio ist wortgewandt und musikalisch, total lustig und hoch emotional. Das »Colonia Duett« bleibt einzigartig, doch die Rheinische Seele hat drei neue Matrosen gefunden, um sich munter und fröhlich treiben zu lassen.

 

Hauptsache mit Senf

Der Satz »Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen« soll angeblich von dem griechischen Philosophen Sokrates stammen. Der große Denker der Antike hatte recht. Für die Rheinische Küche trifft diese Weisheit auf jeden Fall zu. Spezialitäten wie »Himmel un Äd met Blotwoosch«, »Halver Hahn«, »Rievkooche«, »Kölscher Kaviar«, »Murrejemangs« (Möhren und Kartoffeln untereinander) oder »Soorbrode vum Päd« (Sauerbraten vom Pferd) sind auch Seelennahrung. Der ärgste Verdruss nimmt umgekehrt proportional zur Größe eines Hämmchens ab. Hauptsache mit Senf.

Es gibt Speisekarten – kölsch: »Foderkaate« –, die offenbaren eine Verbundenheit mit dem Veedel oder mit dem Lieblingsfußballclub. So bieten Andreas Hertel und sein Team im »Alt Poller Wirtshaus« (Zum Wirtshaus auf Lebensart24 ») , Poller Hauptstraße 28, zum Beispiel einen Geißbocksalat (mit gebackenem Ziegenkäse) oder den Lieblingssalat der Poller (mit marinierter Putenbrust) an. Und der »Halve Hahn« wird hier als Poller Hahn serviert. Die Umwidmung ist erlaubt, weil es dazu Bauernbrot statt Röggelchen gibt. Auf der anderen Rheinseite, mitten in der City am Rudolfplatz, empfangen Martin Schlüter und sein Team die Gäste im Brauhaus »Reissdorf am Hahnentor«. Die Botschaft lautet: »Wer ins Reissdorf am Hahnentor auf 1,2,3 Kölsch kommt, hat Durst, steht im Leben, ist gerne unter Menschen und generell ein Genießer.« Platz ist an der Theke, in der Schänke, auf der Terrasse oder im Restaurant. Spezialtipp von Martin Schlüter: »Liebhaber unseres Hauses mögen auch die kölsche Seele im Saal: Der Karneval und FC sind selbstredend prominent vertreten.« An den Wänden und auf der Karte. Den FC in Hectors Fitness-Salat zu erkennen, ist etwas für Kenner: Der frühere Nationalspieler Jonas Hector spielte bis 2023 für den 1. FC Köln.

 

Italien ist ganz nah

Gleich drei Städte in Bayern sehen sich als »nördlichste Stadt Italiens«: München, Regensburg und Augsburg. Was unlogisch ist, da es ja nur eine geben kann. Und das ist Köln. Es geht hier nicht um Entfernungen, sondern um Nähe. In keiner anderen Stadt im Land ist es so einfach, mit wildfremden Menschen schnell in Kontakt und ins Gespräch zu kommen. Das kann überall sein. In der kleinen Weetschaff op d’r Eck oder im Brauhaus, auf einer Karnevalsveranstaltung oder im Stadion. Dies sagen Besucher von auswärts, nicht die Kölnerinnen und Kölner. Die wissen es ja. Das ist beileibe nicht auf die närrische Zeit beschränkt. Ganz ohne Frage kommt dem Karneval im Rheinland eine zentrale Bedeutung zu. Er bietet den idealen Nährboden und Lebensraum für die Rheinische Seele. Hier ist sie (unter anderem) daheim. Heimat ist der Ort, wo ich verstanden werde, wo ich nicht nach dem Weg fragen muss und wo ich willkommen bin. Karneval lebt vom Mitmachen, das Volksfest war schon immer interaktiv. Jede und jeder kann dazu beitragen, dass das Fest gelingt. Das ist der Kern, die Seele und der Kitt, der Menschen zusammenbringt und zusammenhält.

Die Kölsche Seele und das besondere Lebensgefühl in Köln zeigen sich für Dino Massi in vielen Facetten. »Es ist eine Mischung aus italienischer Leichtigkeit und kölscher Fröhlichkeit – und mittendrin der Karneval, der Menschen sämtlicher Couleur zusammenbringt und gemeinsam feiern lässt. Als Präsident der Prinzen-Garde liebe ich es, auf unseren Sitzungen alle Gäste persönlich zu begrüßen. Und als Geschäftsmann mag ich, dass in Köln Shake-Hand-Geschäfte möglich sind und natürlich ein guter Wein nie fehlen darf.« Dino Massi ist seit 2013 Präsident der Prinzen-Garde. Er ist der 11. Präsident der Garde im 11. Amtsjahr. Beruflich ist der Unternehmer Geschäftsführer des Weinhandels »Piero Massi«. »In der Kölschen Seele spiegeln sich viele Emotionen, Empathie und Werte. Kraft schöpft sie aus und in der Gemeinschaft mit anderen Menschen. Das ist etwas, was wir in der Ehren-Garde nicht nur während der Session, sondern ganzjährig pflegen und weitergeben möchten. Dieses Gefühl ist für mich absolut positiv belegt«, sagt Hans-Georg Haumann, seit 2016 Präsident der Ehren-Garde der Stadt Köln. Kinderprinz war er 1977, Prinz im Erwachsenen-Dreigestirn 2009.

Gut für die Psyche

Der Kern des Karnevals ist es, Blödsinn zu machen. Dazu gehört, über sich selber lachen zu können. Und anderen eine Vorlage zu liefern, sich über einen zu amüsieren. Der Humor ist ein elementarer Bestandteil der Kölschen Seele. Die Tonalität wechselt. Mal schmunzelt sie, mal lächelt sie, mal brüllt sie vor Lachen, mal wiehert sie wie ein fliehendes Pferd (vor dem Sauerbraten?), mal nimmt sie andere an die Hand und auf den Arm. Es mag gelegentlich der Eindruck entstehen, die Menschen im Rheinland neigten dazu, es mit Regeln und Vorschriften nicht so genau zu nehmen. Das trifft es nicht ganz, das klingt viel zu schroff und ernst. Manchmal werden Anordnungen eben mehr als Vorschläge mit Interpretationsspielraum eingestuft. Es geht nicht um Aufsässigkeit, sondern um Lässigkeit. Und mal ehrlich: Darum werden die Rheinländer doch von vielen beneidet. Die Kölsche Seele ist eine wichtige Ressource, die gut für die Psyche ist.

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