Übergewicht ist ein Problem, das mehr als jeder Zweite in Deutschland mit sich herumschleppt. Ein Fünftel ist mit überflüssigen Kilos sogar derart beladen, dass höchster Handlungsdruck besteht. Über die Last mit der Adipositas.
VON WOLF WEYERGRAF
»Eine Adipositas erhöht das Operationsrisiko signifikant. Eingriffe dauern länger, es braucht eine stärkere Narkose, Nachblutungen kommen eher vor und die Wundheilung ist schlechter.«
Dr. Daniel Gantert, Gynäkologe, Beta-Klinik
Dicke sind gemütlich, sinnesfroh, gelassen? In sich ruhend wie Altbundeskanzler Helmut Kohl, unbekümmert wie Sängerin Beth Ditto, lustig wie Fußballmanager Reiner Calmund auf dem Zenit seiner Karriere? Solche Klischees halten sich hartnäckig. Doch die Wahrheit ist eine andere. Sie entspricht eher dem, was der nicht eben gertenschlanke Schauspieler Peter Ustinov einmal so auf den Punkt brachte: »In jedem dicken Menschen steckt ein Dünner, der hinauswill.«
Dieser Wunsch kommt nicht von ungefähr. Wer in einem Körper mit deutlichem Übergewicht gefangen ist, lebt brandgefährlich: Summieren sich die Pfunde zur Adipositas, können Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes, Arteriosklerose, Organschäden, Venenleiden, kaputte Gelenke und Krebs die Folge sein. Vor allem die Gebärmutter, die Brust, die Prostata, die Gallenblase und der Darm sind dann anfällig für Tumore. Insgesamt begünstigt die Adipositas mehr als 60 Krankheiten.
Eine genetische Vorbelastung, Stress, die ständige Verfügbarkeit von Essen, Bewegungsmangel sowie Medikamente können den Körper dauerhaft auf hohes Gewicht programmieren. Adipositas ist insofern eine chronische Erkrankung und besitzt längst epidemische Ausmaße.
So hat sich zwar die Zahl der Übergewichtigen hierzulande – 53 Prozent der Frauen und 67 Prozent der Männer – laut Robert-Koch-Institut in zehn Jahren kaum verändert; die Adipositas dagegen steigt. Nach einer Studie der WHO aus dem Jahr 2022 sind in Deutschland 19 Prozent der Frauen und 23 Prozent der Männer betroffen. Weltweit hat sich die Zahl seit 1990 mehr als verdoppelt, so das Fachmagazin »The Lancet«.
Infobox
Richtig essen.
Dauerhaft schlank bleiben.
Ob bei einer konservativen Therapie, einer medikamentösen Behandlung oder nach einer Operation: Um eine individuelle Ernährungsumstellung kommen Adipositas-Patienten nicht herum.
Diese Lebensmittel bilden die Grundlage:
- Eiweißquellen: Fisch, Geflügelfleisch, Hülsenfrüchte, Pilze, Eier. Die Proteine befördern die Ausschüttung des Hormons Peptin und halten länger satt.
- Ausgewogene Lebensmittel: Vollkornprodukte, Gemüse und Obst versorgen mit Vitaminen und Mineralien und sättigen durch Ballast- und Faserstoffe.
- Gesunde Fette: Gute Lieferanten dafür sind vor allem Nüsse, Samen und Fisch. Die gesunden Omega-3-Fettsäuren sind dabei besonders wichtig.
»Starkes Übergewicht ist ein multifaktorielles Geschehen. Der Lebenswandel, die Gene, die Hormone und vieles mehr spielen da ganz individuell zusammen. Umso wichtiger ist ein exaktes Monitoring der Körperzusammensetzung, um etwa das Training auf die Fettverbrennung abzustimmen.«
Thorsten Osterhaus-Pasche, Internist, Stadtwaldpraxis
Essen neu lernen
Wo aber endet Übergewicht und beginnt die Adipositas, die auch als Fettsucht oder Fettleibigkeit bezeichnet wird? Der gängige Indikator ist der Body Mass Index oder BMI. Man berechnet ihn, indem man das eigene Körpergewicht durch das Quadrat seiner Körpergröße teilt. Ab einem BMI von 25 spricht man von Übergewicht, ab einem von 30 liegt eine Adipositas ersten Grades vor. Der zweite Grad beginnt mit einem BMI von 35, der dritte bei einem Wert von 40.
Bei einer geringeren Fettleibigkeit ist eine konservative Therapie der erste Weg. Und der führt nicht zu einer Diät, sondern zu einer Ernährungsumstellung. Alles gehört dann auf den Prüfstand: Was man isst, wann man isst, wie man isst. Idealerweise filtert ein Ernährungsmediziner typische Fehler heraus und erstellt einen individuellen Kostplan, der persönliche Vorlieben berücksichtigt. Wichtig ist zudem der Verzicht aufs Snacken, der Ausstieg aus dem Zucker und die Gewöhnung der Zunge an natürliche Aromen.
Der größte Ernährungstrend derzeit ist das Intervallfasten, das gesundes Abnehmen, positive Stoffwechseleffekte und gute Verträglichkeit verspricht. Es existiert in der 16:8-Variante, bei der zwischen der letzten und der ersten Mahlzeit des Tages 16 Stunden liegen sollen. Die 5:2-Methode sieht vor, an fünf Tagen normal zu essen und an zwei sehr wenig. Bei der 1:1-Form wiederum geht es um alternierendes Kurzzeitfasten: an einem Tag wird normal gegessen, am nächsten sind nur 25 Prozent der Nahrung erlaubt.
Hochkomplexe Mechanismen
Intervallfasten unterscheidet sich von Fastenkuren oder Crash-Diäten dadurch, dass weder der Stoffwechsel gedrosselt noch Muskelmasse abgebaut werden. Der Jo-Jo-Effekt bleibt dadurch aus. Zudem bessern sich der Zucker- und der Fettstoffwechsel, werden entzündungslindernde Stoffe ausgeschüttet. Studien mit Mäusen zeigten, dass jene Tiere, die nur in einem bestimmten Zeitfenster aßen, schlank blieben und länger lebten als Artgenossen mit unbeschränktem Zugang zu Futter. Als Erklärung wird die »Autophagie« angeführt: Beschädigte Zellteile werden von einer Membran überzogen und verdaut. Alte Zellen kommen so wieder in Form.
Bewegung ist natürlich auch bei dieser Ernährungsweise essentiell. Bewährt hat sich eine Mischung aus Cardio-Training für den Fettstoffwechsel und Krafttraining für den Kohlenhydratmetabolismus. Letzteres ist ratsam, weil es den Grundumsatz erhöht – Muskeln verbrennen selbst in Ruhe mehr Kalorien als Fettpolster. Beim Ausdauertraining wiederum schaltet der Körper erst bei einer optimalen Herzfrequenz in den Fettstoffwechsel. Für Männer lautet die Formel: 220 minus Lebensalter ist gleich maximale Herzfrequenz. Davon 65 bis 70 Prozent, und man befindet sich im Bereich des Fettstoffwechsels.
Und wenn trotz allem Erfolge ausbleiben? Ist dann Willensschwäche am Werk? Dr. Jürgen Ordemann hält das für ein Vorurteil: »Unser Sättigungsgefühl unterliegt hochkomplexen Mechanismen, die von vielen Einflüssen abhängen und in neuronalen Zentren des Gehirns reguliert werden. Diese Zentren sind von außen schwer zu beeinflussen. Einem massiv adipösen Patienten zu sagen: ›Bitte weniger essen!‹ geht so wenig, wie Sie einem Depressiven empfehlen können: ›Sei glücklich!‹ «, sagt der Leiter des Zentrums für Adipositas und metabolische Chirurgie am Berliner Vivantes Klinikum. Die Fettzellen speicherten nämlich nicht nur Energie, sondern produzierten ebenso Hormone und entzündungsfördernde Peptide. »Je mehr Fettmasse vorhanden ist, umso mehr Peptide gelangen in die Organe und machen sie krank. Dazu gehört auch das Gehirn. Eine höhergradige Adipositas lässt sich demzufolge nur in seltenen Fällen über Verhaltensänderungen in den Griff bekommen«, so Ordemann.
Disziplin ein Leben lang
Der letzte Schritt ist eine operative Magenverkleinerung, der sich in Deutschland pro Jahr rund 20.000 Adipöse unterziehen. Genauer: Es ist der Magenbypass oder der Schlauchmagen. Beim weltweit häufigsten chirurgischen Eingriff, dem Magenbypass, wird ein Großteil des Magens aus der Nahrungspassage ausgeschlossen. Über eine kleine Magentasche gelangt die Nahrung dann direkt in den Dünndarm. Die Patienten haben dadurch weniger Appetit, und ihr Gehirn empfängt nach dem Essen kaum noch Belohnungssignale. Die Darmflora verändert sich, der Stoffwechsel kommt in Gang. Das Resultat: In den ersten zwei Jahren nach der OP verlieren Betroffene etwa 80 Prozent ihres überschüssigen Gewichts. Dennoch müssen sie ihre Ernährung komplett umstellen. Gewohnte Lebensmittel werden plötzlich nur noch schlecht vertragen, die Portionen haben kleiner zu sein. Und die Nachbetreuung ist lebenslang nötig.
Schwer Übergewichtige, die dies scheuen, haben neuerdings eine Alternative: Semaglutid. So heißt der Wirkstoff von Ozempic, einem Diabetes-Medikament, das mittlerweile häufig zum Abnehmen verwendet wird. Einmal wöchentlich injiziert, senkt es den Blutzuckerspiegel, schützt die Gefäße, sorgt für Sättigung und verlangsamt die Magenentleerung. Bis zu 17 Prozent ihres Körpergewichts verlieren Adipöse mit Ozempic, das mittlerweile Konkurrenz von einem weiteren Medikament bekommen hat: Wegovy ist doppelt so hoch dosiert und darf erst ab einem BMI von 30 zum Zug kommen. Als harmlose Appetitzügler sind jedoch beide nicht zu verstehen: Semaglutid kann Nebenwirkungen von Übelkeit bis zu einer Pankreatitis verursachen. Und Aufhören ist verboten: Bleibt das Semaglutid aus, legt der Körper wieder zu.
Essen, das weiß der Volksmund, hält Leib und Seele zusammen. Wichtig ist nur, dass beide nicht gegeneinander wirken, sondern im Gleichgewicht bleiben. Sonst wird es sprichwörtlich schwer. Allen Segnungen von Medizin und Pharmazie zum Trotz.
»Body Positivity ist ein so verständlicher wie unheilvoller Trend: Schon zehn Kilo Übergewicht richten viel Schaden an. Allein der Dauerdruck auf den Unterbauch führt zu Nervenleiden und Durchblutungsstörungen.«
Guido Meurer und Dr. Marta Martín López, Praxis für Proktologie und Chirurgie